x Roachware: Auf Sherlocks Spuren

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Auf Sherlocks Spuren

Private Eye

Lange war es still um das Rollenspiel Private Eye. Dieses Rollenspiel ist, trotz des Englischen Titels, ein rein Deutsches Produkt, das im Jahre 1988 erschienen ist und vom Verlag B&B Productions in Talheim hergestellt wurde. Nachdem 1993 bereits die 3. Auflage (Version) erschienen war, wurde es still um das System, bis die Redaktion Phantastik – eine GbR mit Sitz in Herne – plötzlich mit einer kompletten Neuauflage mit völlig neuem Äußeren an die Öffentlichkeit trat. Leider sind die Informationsquellen im Internet hier sehr ungenau: teilweise wird als Erscheinungsjahr der 1. Auflage 1990 angegeben, teilweise heisst es,d ass da bereits die 3. Auflage erschienen sei, und ich habe sogar Seiten entdeckt, auf denen als Erscheinungsjahr der 3. Auflage 1998 angegeben wurde.

In der Neuauflage erschienen zunächst 2004, 2005 und 2006 Abenteuer – sowohl neue Abenteuer als auch Neuauflagen klassischer Abenteuer. In diesem Jahr erschien dann das Regelwerk, das lange Jahre als vergriffen gelten durfte.

Das Regelwerk wurde gegenüber der vorigen Version nahezu unverändert übernommen, aber neu beschrieben. Mit 34 Seiten ist es dennoch eines der kürzeren und einfacheren Regelwerke im Lande. Hierbei fällt auf, dass das Spiel (immer noch) davon ausgeht, dass der geneigte Leser mit den Begriffen W10 und W100 etwas anzufangen weiß, was heutzutage allerdings wohl wahrscheinlicher ist als zu Beginn der '90er Jahre.

Das System ist grundsätzlich ein Prozentsystem: alle Würfe werden mit Prozentwürfeln (bzw. in Einzelfällen mit einem W10) abgewickelt. Auch die Eigenschaften und Talente eines Charakters werden in Prozentwerten angegeben. Bei der Erschaffung wird ein eigentümliches, aber leicht verständliches System aus Standardwerten, Würfelwerten und Punktzuweisungen verwendet. Grundsätzlich kann man sagen, dass man sich eine Anzahl Prozentpunkte erwürfelt, die man dann frei auf die Fertigkeiten des Charakters verteilen darf. Durch das Würfeln kann es natürlich geschehen, dass die Charaktere zu Spielbeginn unterschiedlich effektiv sind, aber das stört bei diesem Spiel weniger, da die Hauptaufgabe für die Spieler – das Lösen von Kriminalfällen – nicht durch Würfelwürfe, sondern durch Denkarbeit der Spieler erledigt werden soll.

Nach den kurzen Regeln folgt ein sehr ausführlicher Hintergrundteil, in dem die Viktorianische Welt ausführlich – und ziemlich stimmig – beschrieben wird. Besonderer Wert wird hier auf Methoden gelegt, die dem modernen Spieler als selbstverständlich gelten, aber in der Viktorianischen Ära erst erforscht wurden, wie die Bertillonage (eine Frühform moderner Biometrie, die auf den Abmessungen bestimmter Körperteile beruht) und die Daktyloskopie (Fingerabdrücke), die beide damals in den Kinderschuhen steckten und teilweise noch belächelt wurden.

Aber auch das Alltagsleben in der Viktorianischen Zeit wird ausführlich beschrieben. Mode, Lebensumstände (die effektiv noch nicht begonnene Emanzipation wird wiederholt durch ihre Auswirkungen auf die Regeln fühlbar), Geldwerte, eine ausführliche Beschreibung Londons, und sogar eine gute Beschreibung von Sherlock Holmes lassen die Herzen höher schlagen.

Die angebotenen Materialien sind sehr ausführlich und ich konnte auch keine größere Ungereimtheit feststellen.

Abgeschlossen wird das Regelwerk von einem Abenteuer mit dem Titel 'Familienglück'. Mit mehr als 30 Seiten Umfang ist es auch sehr ausführlich – manch anderer Verlag würde ein Abenteuer dieser Größe nicht im Grundregelwerk sondern nur als Extra-Abenteuer anbieten, während im Regelwerk ein wesentlich kürzeres Abenteuer zu finden wäre. Auch wenn es im Hintergrundmaterial sehr ausführlich ist – und daher vom Spielleiter gut vorbereitet sein will, wenn er alle Feinheiten gut umsetzen will – dürfte es doch bei Leuten, die nicht schon häufiger Detektivabenteuer gespielt haben, wohl kaum in den angegebenen acht Stunden spielen lassen. Bei Detektivabenteuern ist eine Teilung des Abenteuers auf zwei Abende allerdings immer unbequem, da die Spieler die unangenehme Neigung zeigen, gerade die wichtigen Sachen zu vergessen. Die präsentierte Situation und die Fälle entschädigen aber: es ist ziemlich stimmungsvoll, tiefer in die Geschichte der Wirtsfamilie einzutauchen.

Abgeschlossen wird das Werk durch einige Tabellen,

Zwei kleinere Mängel will ich allerdings nicht unerwähnt lassen. Zum einen fände ich eine Anleitung nützlich, wie man gute Detektivabenteuer erstellen kann. Eine Beschreibung, welche Spuren in der Regel besser und welche meist schlechter entdeckt werden, wäre zum Beispiel recht sinnvoll. Man kennt derartige Probleme ja aus anderen Abenteuern, wo wichtige Spuren von den Spielern geflissentlich und eifrigst ignoriert werden... Bei Produzenten von Detektiv-Rollenspielen, denke ich, sollten da gewisse Erfahrungswerte vorliegen, und es wäre nett gewesen, wenn sie die Leser an ihrem Erfahrungsschatz teilhaben gelassen hätten.

Der zweite Kritikpunkt wirkt zunächst wie eine kosmetische Sache, hat aber doch starke Auswirkungen. Die – schönen und stimmungsvollen – Balken an den Seitenrändern sind leider für das Lay-out zu breit oder zu dunkel geraten. Der Text läuft über diese Zeichnungen hinweg, und teilweise sind diese so dunkel geraten, dass man mehrfach hinsehen muss, um den Text noch erkennen zu können. Schön gedacht, aber leider in der Ausführung verbesserungswürdig.

Abgesehen hiervon sind die Ilustrationen aber sehr gut, Sabine Weiss und Sylvia Schlüter schaffen es, die Leser gut einzustimmen.

Ist Private Eye empfehlenswert, wenn man bedenkt, dass es noch eine ganze Reihe anderer Rollenspielsysteme mit Viktorianischem Hintergrund gibt (Cthulhu bei Gaslicht, Victoriana, Castle Falkenstein, demnächst auch wieder Space 1899)? Meiner Meinung nach auf jeden Fall, da Private Eye auch ausdrücklich 'irdisch' bleiben will (also weder Magie noch übernatürliche Monstren kennt), so dass schon allein der Hintergrundteil extrem nützlich ist.

HerstellerRedaktion Phantastik
Autor Thilo Bayer, Jan Christoph Steines, Ulrike Pelchen, Sylvia Schlüter
Spieler RPG
Denken n/a
Glück n/a
Geschicklichkeit n/a
Preis ca. 37,90€ (Buchpreisbindung)

Anzeige Private Eye ist zum Beispiel erhältlich über den Pegasus-Webshop