x Roachware: Fiese Friesen

Freitag, 17. Dezember 2010

Fiese Friesen


Friesematenten

Ich kann mich noch erinnern, als ich vor vielen Jahren das erste Mal als Journalist zur SPIEL kam - damals schrieb ich noch für eine Niederländische Clubzeitschrift. Alles war noch ganz neu und anders als gewohnt. Vor allem: man konnte bereits einen Tag im Voraus nach der Pressekonderenz die Neuheiten bestaunen und sich die ersten Pläne machen, wen man alles in den kommenden Tagen besuchen musste.

Eine Figur, die mir bis dato unbekannt war, war allerdings gerade in der Neuheitenshow ziemlich auffällig. Zwischen all den 'normal' gekleideten (Journalisten und Produzenten) und den kostümierten Anwesenden (Promoter) fiel eine Figur auf, die durch grünes Haar aus der Masse herausstach. Kein Japaner, aber ein Deutscher, der ein Spiel präsentierte. Ich weiss nicht sicher, ob es bei meinem ersten Besuch als Journalist war, aber bei einem der ersten Male wurden mir auch von Bekannten der Spieldesigner Friedemann Friese (der mir den grünen Haaren) und sein Spiel Friesematenten ans Herz gelegt.

Leider bin ich damals nie dazu gekommen, es mir tatsächlich zuzulegen - und das Spiel war so stark Deutsch entworfen, dass es für meinen damaligen Leserkreis auch nicht so geeignet erschien. Außerdem hatte es damals einen Mechanismus, der mich abschreckte: es war grenzwertig Sammelkartenspiel. Man sammelte zwar nicht Decks, um mit ihnen gegen selbst gesammelte Decks anderer Spieler zu bestehen, wie bei Magic, sondernman sammelte Das Spiel und Erweiterungen, die zufällig zusammengestellt wurden.

Davon ist die neue Ausgabe, die jetzt bei Amigo erschienen ist, weit entfernt. Die Dose (die auch deutlich kleiner ist als damals - damals musste man ja auch Platz lassen für die Erweiterungen, die gekauft werden sollten) passt in jede Hosentasche: es ist das gleiche Format, dass auch Amigo-Klassiker wie 6 nimmt!, Fluxx oder Wizard haben. In der Schachtel findet man:
  • 60 Spielkarten: 19 rote Fabriken, 13 gelbe Statussymbole, 8 blaue Einflusskarten und 20 grüne Aktionskarten
  • 1 Bündel Geldscheine
  • eine Spielregel
  • einen Startspielerstein

Die Karten haben normale Qualität, die Geldscheine fühlen sich (wie leider bei Spielen übliche) sehr 'zerbrechlich' an. Der Startspielerstein ist eine einfache Holzscheibe ind Friedemann-typischem Grün, schlicht und macht nicht viel her, erfüllt ihren Zweck aber voll und ganz. Die Spielregel, die man auch hier (PDF) downloaden kann, hat das für Amigo-Kartenspiele typischen längliche Format.

Die Illustrationen der Karten sind richtig schön. Fréderic Bertrand hat schöne Karikaturen gezeichnet, die den Karten den richtigen Pep geben. Ohne die Illustrationen wäre es ein einfaches Aufbauspiel, aber durch sie gewinnt das Spiel eine satirische Note, die auch das originale Friesematenten damals hatte, und die ihm auch ganz gut zu Gesicht steht.

Zu Spielbeginn erhält jeder Spieler 60 Euro, pro Spieler werden von den Karten 15 zufällig ausgewählte in das Spieldeck genommen (darum kann man auch nur mit maximal 4 Spielern spielen). Von dem gut gemischten Spieldeck werden (Anzahl der Spieler plus 3) Karten offen als Angebot für die Runde (als 'Börse') ausgelegt.

Nun kann man, wenn man hat, Aktions- und Einflusskarten verwenden um sich selbst das Leben leichter oder den lieben Mitspielern selbiges schwerer zu machen - zum Beispiel, indem man für jede Fabrik eine Steuer von 5 Euro erhebt, oder eine Fabrik eine Runde den dreeifachen Wert produzieren lässt bevor sie gänzlich 'ausgelutscht' abgerissen wird...

Jetzt folgen die Auktionen auf die ´Karten in der Börse. Auf jeder Spielkarte steht ein Mindestwert, eine Illustration, ein name, sowie ggfs. weitere für das Spiel wichtige Regeln. In Reihenfolge der Auslage werden die Karten versteigert, wobei der angegebene Mindestwert nicht unterschritten werden darf. Wer die Karte ersteigert, erhält sie und legt sie offen vor sich aus. Die anderen wissen also immer, was man besitzt und welche Möglichkeiten man damit hat.

Sollte eine Karte keinen Abnehmer finden, wird sie in der folgenden Runde noch einmal angeboten, bevor sie auf den Ablagestapel verschwindet. Dieser wird, wenn das Spieldeck durchgespielt ist, einmal gemischt und umgedrecht als neuer Nachziehstapel abgelegt. Sollte es noch einmal durchlaufen werden, ohne dass jemand den Sieg eingefahren hat, endet das Spiel nach der Versteigerungsphase.

Zuguterletzt produzieren die Fabriken, was sich beim Besitzer in Form von knisternden Scheinchen statt klingender Münze auswirkt. Das Geld braucht man dann in der nächsten Runde wieder, um Karten zu ersteigern, und so weiter.

Das Spiel endet, wenn nach der Auktionsphase jemand 40 oder mehr Siegpunkte gesammelt hat, oder nach der Auktionsphase, nachdem der Nachziehstapel das zweite Mal durchlaufen wurde. (Es sei denn, jmand hat die Karte 'bin noch nicht fertig' ersteigert, wodurch das Spiel in eine Extrarunde gehen kann).

Sieger ist natürlich, wer die meisten Siegpunkte hat, bei Gleichstand, wer das meiste Geld hat.

Die Regeln sind einfach, die Umsetzung auch, aber die vernünftige Anwendung... Lohnt es, auf Firma A zu bieten, wenn später in der Börse noch Fabrik B angeboten wird, und die eben mehr Geld und was soinst noch bietet? Oder nehme ich A, weil sich um B die anderen Mitspieler kloppen werden, und ich B dann doch nicht erhalten würde? Oder lohnt es, stattdessen zu versuchen, Ereigniskarte C zu ersteigern? Sowohl die Effekte, Einkommen und Siegpunkte der Karten muss man im Auge behalten, aber auch die Position der Karten in der Börse, und die Frage, ob die Mitspieler noch genug Geld haben werden, um mir den Ankauf unmöglich zu machen. Dadurch, dass alles (außer den Geldbeständen) allzeit für alle offen sichtbar ist, ist eine gute Planung unverzichtbar, und man muss auch ständig ein Auge darauf halten, was die lieben Mitspieler einem so an Sand ins Getriebe streuen können. Die Spieldauer von angegebenen 45 Minuten (in der Praxis spielte es sich eher bei 30-35 ein) ist auch so kurz, dass man unmittelbar noch eine Revanche (oder zwei) haben will.

Dem Stil des alten Sammelspiels folgend (aber eben ohne den Glücksfaktor) soll noch im Frühjahr 2011 ein erster Erweiterungsset erscheinen. Man darf sich darauf freuen.

Angesichts des niedrigen Preises ist das wirklich ein Spiel für jedermann - sowohl Gelegenheitsspieler als auch Vielspieler werden an dem Spiel ihre Freude haben, und bei dem Preis kann man es auch ohne weiteres der halben Verwandtschaft unter den Weihnachtsbaum (oder ins Osternest, das Geburtstagspaket oder was auch immer) legen. Solange es nur keine verknöcherten Nichtspieler sind...


HerstellerAmigo Spiele

Autor

Friedemann Friese

Spieler

2-4

Denken

9

Glück

3

Geschicklichkeit

n/a

Preis ca.
6,99 €